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© pikist

Essay: Eine Gästekontingentierung ist unvermeidlich

19.08.2020

Die Zeiten werden härter, die Infektionen steigen. Und je kälter es draußen ist, desto lieber wird drinnen gefeiert. Von der Apres-Ski-Bar bis zum Geburtstagsfest im Landgasthaus: Das sind und werden alles Brutstätten für reichlich Infektionen über Aerosole. Können und wollen wir das Risiko eingehen? Was sind die Alternativen?

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Gegen Aerosole von Infizierten, die schon beim normalen Sprechen reichlich ausgestoßen werden, hilft die beste Klimaanlage nichts, wie wir mittlerweile aus Studien wissen.  Übrigens auch nicht in Flugzeugen. In der Gastronomie höchstens eine sündteure zusätzliche Luftfilterung. Aber wer will und kann das bezahlen, für vermutlich eine Saison, bis wir uns endlich impfen lassen können?

Deutsche Überlegungen

Der deutsche Gesundheitsminister Jens Spahn hat kürzlich im Radio erzählt, er hätte mit Gastronomen gesprochen und die hätten ihm bestätigt: Ab 15 Gästen ist die Einhaltung der Hygienegrundregeln kaum noch aufrecht zu erhalten. Fließt Alkohol, rückt man näher zusammen, weiß auch unser Gesundheitsminister Rudi Anschober. „Waren bisher die meisten Infektionsketten nachvollziehbar, können neue Fälle bald überall gleichzeitig auftreten, in allen Landkreisen, in allen Altersgruppen. Dann sind die personell schlecht ausgestatteten Gesundheitsämter endgültig damit überfordert, die  Quarantäne jeder einzelnen Kontaktperson zu regeln“, schrieb jüngst der kluge deutsche Virologe Christian Drosten in der „Zeit“. Und wehe einer der Gäste ist einer der „Superspreader“, dann haben wir den nächsten Cluster, viele Cluster. In St. Anton, Zell am See , Paznaun. Gute Nacht Ski-Tourismus in Österreich.

Todesstoß für die Gastronomie

Drosten verweist auf das gute Beispiel Japan, das relativ gut durch die erste Welle gekommen ist: „Das Land warnte seine Bürger frühzeitig vor großen Menschenansammlungen, geschlossenen Räumen und engem Kontakt. Wie anderswo in Asien sind Masken weit akzeptiert. Statt viel und ungezielt zu testen, hat Japan früh darauf gesetzt, Übertragungscluster zu unterbinden. Dazu hat das Land offizielle Listen von typischen sozialen Situationen erstellt, in denen Übertragungscluster entstehen, und sie öffentlich bekannt gemacht.“ Japans Chef-Virologe Hitoshi Oshitani fand in einer  Studie heraus, dass das Infektionsgeschehen überwiegend von jungen Menschen ausgehe, die wenige oder gar keine Symptome zeigen. Die neuesten Zahlen aus Österreich bestätigen ihn. Als Hotspots stellten sich in Japan folgende Orte heraus: Restaurants, Fitnessstudios, Konzerthallen, Altenheime oder Karaoke-Bars.

Nimmt man das aus epidemologischer Sicht ernst, dann ist das der endgültige Todesstoß für die Nachtgastronomie, für jede Erlebnisgastronomie nicht nur in den Skigebieten und eigentlich auch für jede Form von Familienfeiern oder Betriebsfeiern bis weit über Weihnachten hinaus. In Deutschland wird bereits eine bundesweite Beschränkung der Gästezahl diskutiert. Kolportiert werden Zahlen zwischen 150 und 15 Gästen pro Veranstaltung, vor allem in Innenräumen.

In Österreich möchten manche am liebsten Apres-Ski in Innenräumen komplett abschaffen. Und man diskutiert eine Kontingentierung der Skifahrer pro Skigebiet. Wie das schon jetzt für viele Schwimmbäder gilt. Dauerkartenbesitzer und Übernachtungsgäste werden bevorzugt, Tagesgäste müssen schauen, ob noch Plätze/Tickets frei sind. Wie soll das sonst gehen im Sessellift oder in der Gondel – dicht an dicht?

 

Das Ende des Massentourismus am Berg

Das könnte allerdingts ein Argument für den Skiurlaub in Österreich sein: Es könnte angenehm leer am Berg werden. Gut für die erlaubten Skifahrer, gut für die Hotellerie, schlecht für die Gastronomie und alle, die vom Tagestourismus leben. Eine radikale Reduzierung der erlaubten Teilnehmeranzahl bei Feiern versaut nicht nur das Weihnachtsgeschäft, sondern den kompletten Herbst (nach Ende der Gastgartensaison) in der Gastronomie, vor allem in der ohnehin darbenden Landgastronomie.

Was ist die Alternative? Skifahren mit Maske? Höchstens bei maskenaffinen Asiaten vorstellbar. Tanzen mit Maske, Feiern mit Maske? Nicht wirklich. Draußen feiern im Winter? Geht nur an Schneebars. Aber die kann auch nicht jeder Gastronom aufstellen. Und die kosten zusätzlich, allein wenn man an die nicht gerade umweltfreundlichen Heizstrahler denkt.

Den Rest der Branche durch den Winter subventionieren?

Da wird wohl tatsächlich nichts anderes übrig bleiben. Auch nicht für die darbende Nachtgastronomie. Die können noch so viele kluge Covid-19-Konzepte vorlegen, Feiern funktioniert nur ohne Abstand und ohne Maske. Sonst feiern die Leute eben zu Hause oder im Urlaub im gemieteten Appartment. Apres Ski am Hotelzimmer? Das wird den Hotelier und andere Gäste auch nur mäßig erfreuen.

Aber gibt es für ausreichende direkte Hilfsleistungen an Tourismusbetriebe die Bereitschaft in der Politik und beim Steuerzahler? Die Erfahrungen aus dem Frühjahr sprechen eher für das Gegenteil…

 

Wenigstens Chancengleichheit sicherstellen

Das wird ein komplizierter Winter. Je eher wir uns über die Bedingungen einigen desto besser. Am besten auch, wie aus der Schweiz vorgeschlagen, alpenweit. Chancengleichheit zu Covid-19-Zeiten: nicht die schlechteste Idee – und bis jetzt fast nirgends durchgesetzt. Sonst drohen Reisewarnungen in unseren Herkunftsmärkten – und seien es auch Retourkutschen für Gleiches aus Österreich im Sommer. Aus Kroatien hat man solche Drohungen schon gehört. Drohen im Winter Reisewarnungen aus der Schweiz, Italien oder gar Deutschland für ein zu laxes Österreich? Südtiroler und bayerische Skigebiete freuen sich schon auf heimische Urlauber wie sich Kärnten, Niederösterreich oder die Steiermark über einen guten Sommer mit einheimischen Gästen und ordentlichen Preisen jetzt freuen.

Autor: 
Thomas Askan Vierich
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