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So geht praxisnahe Ausbildung!

28.02.2019

Gerne wird mangelndes Engagement beim Nachwuchs in Sachen „Gastgebertum“ beklagt. Das „TheaterHotel“ der Wiener Tourismus- und Wirtschaftsschule Bergheidengasse beweist seit Jahren das Gegenteil.

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Die Jüngsten sind zehn, die Ältesten über zwanzig. Überwiegend engagieren sie sich in ihrer Freizeit. Im TheaterHotel der Wiener Höheren Lehranstalt für Tourismus und wirtschaftliche Berufe Bergheidengasse ist die Motivation der Schüler überdurchschnittlich hoch. Seit zwölf Jahren gibt es hier ein sehr praxisnahes Schulprojekt, das über 200 Schüler oft monatelang auf Trab hält. Sie organisieren selbstständig einen Event im Austria Trendhotel Savoyen für mehr als 1.000 Gäste. Vormittags wird Frühstück und Lunch serviert, abends Dinner. Das Ganze begleitet von einem Liveprogramm mit vielen prominenten Künstlern.

Doppelter guter Zweck

Ins Leben gerufen hat den Event vor zwölf Jahren Helmut Kuchernig, Lehrer an der HLT. Die Idee stammt vom Burgschauspieler Otto Tausig. Alles begann mit einer kleinen Charityveranstaltung im Boutiquehotel Stadthalle. Dort war Lukas, der Sohn der Inhaberin und heutigen ÖHV-Präsidentin Michaela Reitterer und damals Schüler an der HLT, der erste „TheaterHotel-Direktor“. Heute kocht er in Vietnam. Seitdem gibt es jedes Jahr ein Führungsteam aus Schülern, die sich um alles rund um den Event kümmern: HR, F&B, Kommunikation, Küche, Sales, Service, Organisation. Um die Künstlerakquise und das Sponsoring kümmert sich meistens Kuchernig persönlich, er hat mittlerweile unendlich viele Kontakte. Mit viel Charme überredet er die Künstler, ohne Bezahlung für den guten Zweck mitzumachen. Auch das Hotel Savoyen stellt seine Ressourcen kostenfrei zur Verfügung, ebenso liefern viele Partnerbetriebe kostenlos Lebensmittel, Technik und kaufen Tickets. 

Für einen doppelt guten Zweck: Die Schülerinnen und Schüler lernen, was es heißt, in der Gastronomie selbstständig zu planen und zu arbeiten. Die Einnahmen über den Ticketverkauf kommen sozialen Projekten zugute. Das meiste Geld fließt an den Entwicklungshilfeklub, der ein Dorfprojekt in Indien finanziert und unterstützt. 

Direktor für ein Jahr

Einer der beiden TheaterHotel-Direktoren 2019 ist Simon Knall, der heuer maturiert, zuständig für Sales und Marketing. Er hat nur ganz wenig Zeit („Fünf Minuten!“) für ein Interview, lauscht ständig auf Meldungen, die er über sein Headset bekommt. Aber er hat alles im Griff, wirkt sehr souverän für seine 19 Jahre. Er hat ja auch schon viel Erfahrung: Seit fünf Jahren ist er schon dabei, hat zusätzlich zwei Praktika im Service und eines im Management absolviert und nimmt seine Aufgabe sehr ernst: „Wir haben hier eine Veranstaltung mit 90.000 Euro Umsatz, das ist kein Spiel“, sagt er. Das Projekt ist auch Teil seiner Abschlussarbeit. Er steht später noch auf der Bühne und moderiert sehr launig. „Bei uns kann jeder Schüler aus der Bergheidengasse mitmachen“, sagt er. Heuer sind es rund 220. 
Darunter auch „Superpraktikant_innen“, also Kinder, die noch gar nicht auf die Bergheidengasse gehen. Zum Beispiel Lia und Rose. Die sind jetzt im 4. Jahrgang, waren aber schon vor Jahren dabei. Sie hatten vom TheaterHotel über eine Freundin gehört. Heuer arbeiten sie im Service, in der Künstlerbetreuung und managen einen Verkaufsstand, wo CDs und Bücher der auftretenden Künstler verkauft werden. 
Risojevic Branko treffe ich beim Ausschenken von Wein und Sekt im Foyer. Er hat vor zwei Jahren in der Bergheidengasse maturiert – und ist immer noch beim TheaterHotel dabei. 2016 war er im Leitungsteam, studiert jetzt Unternehmensführung. Der Tourismus und die Gastronomie haben ihn nicht losgelassen: „Das ist eine tolle Branche, mit guten Perspektiven, gerade in Österreich“, sagt er.

Viel Verantwortung

„Wir lassen unseren Schülerinnen und Schülern völlig freie Hand“, sagt Schuldirektorin Anita Petschning. „Weil wir ihnen viel zutrauen, übertragen wir ihnen auch viel Verantwortung.“ Die Lehrer halten sich im Hintergrund, auch das Team im Hotel Savoyen, wo das TheaterHotel seit zehn Jahren residiert, hält sich zurück – sowohl in der Küche als auch im Service. Sie greifen nur im Notfall ein. Und der ist noch so gut wie nie eingetreten, erzählt Russischlehrerin Renate Sponer, die so etwas wie die „rechte Hand“ von Kuchernig ist. „Ihr seid der Wahnsinn!“, ruft gerade die Schuldirektorin auf der Bühne. Gleich wird ein Sous-vide-gegartes und scharf gewürztes Stück Rind serviert. Auch das Menü haben sich die Schüler selbst ausgedacht. 

Alles läuft wie am Schnürchen – und vor allem mit Charme. Auf der Bühne, an den Tischen, im Foyer, beim Empfang, ja sogar an der Garderobe. Man hat schon verkrampftere Galas erlebt.

Autor: 
Thomas Askan Vierich
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