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Serie "Mein Wirtshaus": Gasthaus zur Dankbarkeit

08.10.2020

Die "Dankbarkeit" ist seit Jahrzehnten eine überregional bekannte Hochburg der pannonisch-burgenländischen Küche

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Der junge Wirt Markus Lentsch führt das Gasthaus in Podersdorf am Neusiedler See in vierter Generation. Ihm zur Seite wirken seine beiden Schwestern Christine und Bianca. Christine führt mit ihrem Mann Andreas Glück das Weingut Lentsch/Glück, Bianca seit Kurzem das Nachtquartier mit fünf Zimmern.

Das ebenerdige, langgestreckte Gebäude gehörte ehemals den Zisterziensern. Später diente es einem preußischen Grafen als Wohnhaus. 1931 erwarb es Josef I. Lentsch, adaptierte es als Gasthaus und begründete den Weinbau der Familie, der ebenfalls noch heute besteht. Josef II. übernahm das Gasthaus 1959 und servierte schon damals, als noch Hawaii-Schnitzel und Berner Würstel populär waren, burgenländisch-pannonische Küche. Josef III. machte mit diesem Küchenstil das Gasthaus Dankbarkeit über die Landesgrenzen bekannt und hat es 1989/90 umfangreich umgebaut. 
Seit 2012 wirkt Markus Josef IV. im Podersdorfer Betrieb und setzt nach wie vor auf regionale Küche mit Anspruch: Die Weine kommen überwiegend aus eigenem Anbau ebenso wie die Säfte. Ergänzt wird dieses Angebot (wir sind ja nicht beim Heurigen!) durch ausgewählte Produkte aus dem näheren Umland: Säfte aus Tadten im Seewinkel, Fisch aus dem Neusiedler See (Fischerei Varga, Gols). Auch das Fleisch kommt aus der Umgebung: Von Karlo aus Pamhagen stammt das graue Steppenrind, eine Spezialität des Nationalparks, für die Salami beim Gruß aus der Küche sind Wollschweine verantwortlich. Familie Fleischhacker aus Pamhagen liefert Eierteigwaren, und das Gemüse wird selbstverständlich auch im Seewinkel angebaut. Der Rest stammt überwiegend aus Österreich, Tee, Kaffee und Reis aus Fairtrade. Die Lentschs sind auch ein Kunde erster Stunde der Golser Brauerei.

Leidenschaftliche Bodenständigkeit

Zu den Küchenklassikern gehören die jiddische Hühnerleber („schon zitiert im Kochbuch der hochdekorierten Brüder Obauer aus Werfen“), die Paprika-Fischsuppe („niemals ohne Neusiedler-See-Zander, gelegentlich aber auch mit schneeweißfleischigem Wels“) und das Kalbsrahmbeuschel („unser Dauerbrenner“). Es soll Menschen geben (wie den Autor und seine jüdische Frau), die für die Hühnerleber von Wien regelmäßig anreisen. 

Aber die Gäste kommen nicht nur von fern, sondern vor allem auch aus der Nähe. Die Dankbarkeit ist ein Gasthaus, das trotz überdurchschnittlichem Anspruch bodenständig geblieben ist. An den fein gedeckten Tischen sitzen regelmäßig auch Podersdorfer Feinschmecker. Gerne auch in der mit antiken, gedrechselten Möbeln ausgestatteten „bürgerlichen Ecke“. An der Wand hängen echte Gemälde, sich kreuzende Säbel („eine Anspielung auf unser Familienwappen“), in der Ecke steht eine eher abstrakt wirkende Skulptur. Markus Lentsch erklärt, das sei der Rest eines Baums aus dem Garten, den der Künstler umwickelt hat mit etwas, das aussieht wie Mullbinden. Genau diese, teilweise auch schrägen Details wie das Modell das Gasthauses, das gegenüber der schlichten Schank zum Angedenken an Josefs sechzigsten Geburtstag thront, machen die Atmosphäre dieses Gasthauses aus.
Diese leidenschaftliche Bodenständigkeit mit jahrzehntelanger Beharrung auf Qualität abseits aller gastronomischen Moden, ohne dass man auch nur eine Spur altmodisch wirkt, hilft Markus Lentsch und seiner Familie auch in diesen Coronazeiten. Natürlich mussten auch sie wochenlang zusperren, aber danach lief es eigentlich fast wieder wie zuvor. Zunächst half Catering, Delivery und Take-away mit selbst eingerexten Speisen. Dass man gut durch die Krise kam und kommt, liegt auch daran, dass in der Dankbarkeit traditionell eher keine Hochzeiten oder große Leichenschmäuse gefeiert werden: „Dazu fehlt uns einfach der Platz“, sagt Markus Lentsch im Gespräch mit der ÖGZ. „Wir haben keinen Festsaal oder Ähnliches.“ Voll ist es trotzdem, Ruhe kehrt erst im Winter ein, „von Ende November bis zum ersten Donnerstag im Februar ist bei uns tote Hose.“ Deshalb hilft Markus Lentsch auch die Senkung der Mehrwertsteuer. Trotzdem fehlen ihm aktuell viele Gäste aus Tschechien, der Slowakei oder Deutschland.

Der Single verbringt den Winter normalerweise gerne in Brasilien, das fällt heuer wohl aus. Gelernt hat er Koch und Kellner in der Blauen Gans und bei Toni Mörwald in Feuersbrunn. Seinen Schulabschluss hat er während eines Gastjahrs in Charlotte/North Carolina gemacht. Auch hat er ein Jahr die Weinakademie besucht – das gehört sich wohl für einen Winzersohn, der er ja auch ist. Der Wein ist eh seine Leidenschaft. Bevor er das Gasthaus übernahm, hat er zweieinhalb schöne Jahre bei Wein & Co als Weinberater in Wien gearbeitet. Wien gefällt ihm ohnehin sehr gut. Aber lieber lebt er im Seewinkel. 

Er bezeichnet sich als „Wirt mit Leidenschaft“. Diese Leidenschaft merkt man ihm weniger im persönlichen Umgang an, da ist er eher zurückhaltend, als auf seiner Speisekarte, wo man je nach Saison auch ausgefallenere Sachen wie Kaninchenleber und Nieren findet. Oder Traditionelles regional und saisonal verfeinert wie die Linsen mit Tarhonya, Rigatoni mit Kürbis-Paradeissugo oder Tafelspitz mit Safran. Alles schmeckt so, als könne man es gar nicht anders kochen als genau so.

Autor: 
Thomas Askan Vierich
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