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Mein Wirtshaus: Neues Gasthaus in uraltem Gemäuer

04.12.2019

Wenn ein Hotelier im Nachbarort die Wirtshauskultur wiederbelebt, freut das nicht nur die Touristen am Millstätter See, sondern auch die Einheimischen. Wenn man sich um sie bemüht.

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Das war hier mal das mittelalterliche Hochmeisterschloss des St.-Georgs-Ritterordens. Daher die auffälligen, wuchtigen Wehrtürme an beiden Seiten des Gebäudes. Im 18. Jahrhundert ging das Kloster in Staatsbesitz über und wurde danach mehrfach umgebaut und modernisiert.
1901 eröffnete hier das Grand Hotel Lindenhof – daher rührt der heutige Name des Gasthauses. Das Hotel ist aber auch schon wieder längst Geschichte. Der letzte Mieter war eine Discothek, danach herrschte lange Leerstand. 

Wiener Vorbild

Bis Hotelier Michael Berndl vom Seefischer aus dem Nachbarort Döbriach die Idee hatte, im alten Kloster ein Gasthaus aufzumachen. Es gab im Zentrum von Millstatt bislang ein anständiges italienisches Lokal und ein Steakhaus. Was seit Jahren fehlte, war ein gutes Wirtshaus. Berndl sprach seinen alten Freund Daniel Gross an, ein geborener Berliner, der lange in Tirol auf Saison gearbeitet hatte und dort auch seine Frau kennenlernte. Er arbeitete zuletzt als Restaurantleiter auf der Turracher Höhe in einem Saisonbetrieb. „Hättest du Lust, für uns herunten am Millstätter See ein richtig gutes Gasthaus zu führen? Im Ganzjahresbetrieb?“, fragte Berndl. Gross hatte Lust.
Beiden schwebte so etwas wie ein klassisches Wiener Beisl vor. „Die Kärntner Wirtshaustradition ist ja irgendwie verloren gegangen“, sagt Daniel Gross. Also fuhr man gemeinsam nach Wien, um sich vor Ort Inspirationen zu holen. „Wir futterten uns zwei Tage durch alle möglichen Wiener Gasthäuser“, erinnert sich Gross. Man beschloss, Blunzgröstl und Beuschel auf die Karte zu setzen. Auch einen gebackenen Kalbskopf sollte es geben. Für Millstatt eher unerhörte Gerichte. Das Fleisch sollte aber regional bezogen werden – von den Nockbauern. Wild besorgt Michael Berndl von seiner Jagd.

Schlicht und authentisch

Dann wurde renoviert. Die Scheiben waren noch schwarz zugeklebt vom ehemaligen Discobetrieb. Die Küche musste komplett neu gemacht werden und hat viel Geld gekostet. Man baute den großen Gastraum wieder zurück in einen seiner ursprünglichen Zustände. Im März 2018 sperrte man auf. Jetzt spürt man unter den hohen Bögen wieder ein wenig das Kloster und das alte Schloss. Die schmiedeeisernen Lampen betonen das. Alles wirkt sehr hell, was an den weiß getünchten Wänden und den hellen Hölzern liegt. Am Boden altes Schiffholz, die Bänke und Stühle sind schlicht grün gepolstert, die massiven Eichentische kommen ohne Tischdecken aus, auf Deko wird weitgehend verzichtet. Alles ist sehr unaufgeregt gestaltet, aber mit qualitätsvollen Materialien. Es wirkt authentisch, als sei hier schon immer ein gehobenes Wirtshaus gewesen. Ein Wirtshaus mit modernem Anstrich: Aus den Lautsprechern dringt leiser Jazz, es ist der gleiche Musikstil wie in der Hotelbar des Seefischers.

Einheimische sind ­begeistert

Am Nebentisch sitzen drei Generationen Einheimischer. Immer wieder dringen laute Begeisterungsausbrüche über das Essen an unseren Tisch herüber – besonders von der Großmutter. Gross erzählt, dass sie zwei Millstätter Mädels als Lehrlinge im Team haben. Der Küchenchef kochte früher im Seefischer, die Abwäscherin kommt aus Millstatt, Gross’ Stellvertreter wie er von der nahen Turracher Höhe, zwei Kolleginnen haben früher im Seefischer gearbeitet. „Aufgrund unseres guten Netzwerks hatten wir bisher keine Probleme, Mitarbeiter zu finden“, sagt Gross. Er selbst hat sich jetzt am Millstätter See niedergelassen, seine Frau führt seit Mai ein Bistro-Café in Döbriach. Sie haben sich in Döbriach ein Haus gekauft. Vorbei ist es endlich mit der Saisonarbeit mit Stempelzeiten. 

Sautanz und edle Weine

Vor zwei Wochen haben sie zum ersten Mal einen richtigen Sautanz gefeiert. Der Seniorchef vom Seefischer hat den Sauschädel persönlich an einer offenen Feuerstelle zubereitet. Das ist vor allem bei den Einheimischen super angekommen, über 200 Gäste waren da. Wer sein Geschirr selbst in die Küche getragen hatte, bekam dort ein Schnapserl und ein Lächeln von der Abwäscherin. „Solche Feste wollen wir jetzt öfter veranstalten“, sagt Gross. Das Gasthaus hat eine überdurchschnittlich gut bestückte Weinkarte, einen nagelneuen klimatisierten Weinkeller und zwei ausgebildete Sommeliers – auch hier spürt man den Anspruch. Den Keller betreut Michael Berndl. Und sie verkaufen auch ordentlich Wein – neben einer Vielzahl an regionalen Bieren.

Vernünftige Arbeitszeiten

Man fährt eine Fünf-Tage-Woche, Dienstag und Mittwoch ist Ruhetag. Das ist vor allem im Sinne der Angestellten. Nur im Juli und August, in der touristischen Hauptsaison, hat man durchgehend offen. Dann wird auch das Personal aufgestockt, damit niemand über 40 Stunden in der Woche arbeiten muss. Günstige Mittagsmenüs zu Kampfpreisen werden nicht angeboten, aber es gibt immer frische Tagesempfehlungen. Ein Extrazimmer bietet 18 Personen Platz und nennt sich „Genussmeisterei“. Hier werden regelmäßig regionale Produkte wie Speck, Wurst, Käse, Spezialbiere oder Schnäpse verkostet. Man kann das Zimmer natürlich auch für private Feste buchen, dann sitzen alle Gäste an einem großen Tisch. 
„Wir versuchen, den Touristen am Millstätter See etwas Besonderes, betont Regionales zu bieten“, sagt Gross. „Ohne dabei die Einheimischen zu vergessen. Die freuen sich natürlich auch, wenn wir hier die Wirtshauskultur wiederbeleben.“

Autor: 
Thomas Askan Vierich
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