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Kulinarisches Gipfeltreffen

31.07.2007

Genuss ist dieser Tage ein häufig strapaziertes Wort, das gerade aufgrund seines inflationären Gebrauchs immer schwerer zu fassen ist. Es scheint kaum einen Themenbereich zu geben, bei dem nicht der bewusste Genuss gefordert ist.

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Doch gerade beim Essen und Trinken, kommt der unbefangene Genuss immer mehr unter Druck: Massentierhaltung, Überfischung der Meere mit immer gigantischeren Schiffen, Konservierungsmittel, Farb- und Aromastoffe in Lebensmitteln, industrielle Herstellung und Vernichtung von Nahrungsmitteln, genmanipulierte Pflanzen, …

Genuss unter Druck
Unter diesem Titel lud der Tourismusverband Paznaun von 20. bis 22. Juli zu den zweiten Genusstagen nach Galtür, bei denen zwar auch einige großartige kulinarische Leckerbissen serviert wurden und auch die musikalische Unterhaltung nicht zu kurz kam. Schlussend­lich wurde jedoch auch ernsthaft und durchaus kontroversiell über die Möglichkeit diskutiert, sich genussvoll und gleichzeitig bewusst und verantwortungsvoll zu ernähren.
Als „grauslicher“ Einstieg diente Erwin Wagenhofers Film „We feed the World“, in dem er mit krassen Bildern einen Streifzug durch die gar nicht so heile Welt der Nahrungsmittelproduktion unternimmt.
Schuld sind wir alle
Wenn es nur darum geht, immer billiger zu produzieren, bleibt laut Wagenhofer Qualität und Ethik einfach auf der Strecke, egal, ob es sich um das industrielle Backen (und Vernichten) von Brot, die Mast von Geflügel oder den industriellen Fischfang handelt. Es mache wenig Sinn, Nahrungsmittelkonzerne an den Pranger zu stellen, Änderungen können nur durch den Einzelnen – in seiner Rolle als Konsument und als engagierter politischer Bürger – herbeigeführt werden. Nur dort, wo Wagenhofer übertrieben sozialromantisch wird („Wieso ernährt sich die Unterschicht, die körperlich doch schwer arbeiten muss, schlechter als gut verdienende Bürohengste?“), verliert er sich bisweilen in platten Gemeinplätzen.

„Wir haben die Unschuld verloren und können nicht mehr genießen, ohne uns mit der Herkunft und der Herstellung der Lebensmittel auseinanderzusetzen“, befand Österreichs kulinarische Instanz Christoph Wagner bei der abendlichen Podiumsdiskussion. Insofern sei bewusster Genuss heute durchaus ein politischer Akt, der über das bloße Erkennen eines Wohlgeschmacks weit hinausgeht.



Schlußendlich bekräftigte auch Wolfram Siebeck, großer kulinarischer Aufklärer Deutschlands, dass wahrer kulinarischer Genuss immer ein elitäres Unterfangen bleiben werde, weil es dabei nicht nur um (relativ) viel Geld gehe, sondern vor allem Engagement und Bildung gefordert sind. So wie bildende Kunst oder klassische Musik ist auch die hohe Kulinarik ein elitäres Minderheitenprogramm, das sich viele Menschen nicht leisten können und wollen.

Trotzdem müssen die von Wagenhofer geschilderten, drastischen Auswirkungen moderner Lebensmittelproduktion nicht sein. Dies habe nicht, wie von Siebeck keck behauptet, ausschließlich mit dem Bevölkerungswachstum zu tun. Abseits der Luxusgastronomie gehe es vor allem darum, Bodenständiges wiederzuentdecken und dem Konsumenten ehrlich, ohne marktschreierischen Werbebotschaften zu vermitteln. Dies ist auch eines der Kernanliegen, wieso sich Galtür für eine Veranstaltung wie die Genusstage entschieden haben, erzählte Bürgermeister Toni Mattle der ÖGZ.

Stimmigerweise vermittelten die Genusstage auch nicht das Flair einer noblen Society-Veranstaltung, sondern vielmehr ein entspanntes Beieinandersein gleichgesinnter Genießer. Dazu zählten auch die Winzer Sepp Muster und Roland Velich aus Österreich und Alois Lageder aus Südtirol.
Wenn die Genusstage Galtür nächstes Jahr dann zum dritten Mal stattfinden (Termin und Programm sind noch nicht fix), darf man dann, frei nach ­Willi Resetarits, bereits von einer langjährigen Tradition sprechen.

Autor: 
Redaktion.OEGZ
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